> UTE KALDUNE M.A. schrieb ihn zur Ausstellung am 29.4.2012 in Kaarst

Die Künstlerin Felicitas Lensing-Hebben leistet mit Torsi und Großplastiken einen Beitrag der eher an eine antike Circe als eine klassische Künstlerin erinnert. Viele ihrer Arbeiten erzählen sehr verdichtet von inneren Welten, dem Spiel der Verführung von Kraft und Schönheit, den Frauen der Geschichte und des Mystischen in der Welt. Die Sprache ist aus Ton und dem Wissen der Hände entstanden, in eher antiker sprachlicher Kodierung und autoritärer skulpturaler Präsenz entstehen Bilanzierungen. Von Macht, Verführung und Verrat künden diese Werke und besitzen eine signifikant andere Aura als sachliche Portraits.

Changierend zwischen Ästhetik und philosophischen Konklusionen liegen diese Arbeiten im Reich zwischen Formsuche und Menschheitsthemen, würde man die Datierung entfernen, wäre man versucht diese Arbeiten um Jahrhunderte falsch einzuordnen. Niemals geht es hier um kleinzerhackte Faktenlage im heutigen Sinne, es geht in den Arbeiten stets um das Potential der Dinge und um die komprimierte Zusammenfassung von Entdeckungen. Die Künstlerin gleicht wirklich einer Zeitreisenden, die Warnungen und Trost mit der faktischen Materialität von Ton verwoben hat. Mal ist die Erzählung tragisch, mal pure Weiblichkeit und mal semiotischer Exkurs zum Thema Zeichen und Bezeichnetes, Hülle und Inhalt.

Wie soll man eine Gestalterin beschreiben, die Aktuelles beschreibt und andererseits auch 3.000 Jahre rückwärts reist. Opfer- und Täterrollen oder die Zuflüsterungen des Materials überraschen sie manchmal, aber es wird Ihnen gefolgt. Sie selber positioniert sich klar und eigenwillig, sie erzählt in rituellen Gesten, in unendlich vielen Texturen in einem Material wie Ton oder Porzellan, welches durch das Feuer erstarrt, die Formen härten zu unempfindlichen Statements aus. Menetekel und der Zauber von Mythen, das Geheimnis des Lebens zu erforschen wird die Künstlerin nicht müde. Mal in der lyrischen Tonart, mal mit kluger Exaktheit, wird eine klare Position definiert und als Frage in den Raum geworfen.

Mal ist es ein sehr kleines Kleidchen das als Hülle und Vehikel einer großen Erzählung fungiert und mal Diana, die groß und autoritär auftritt. Ja im Krieg und in der Liebe scheint alles erlaubt und im Falle dieser Göttin wurde es auch bewiesen.

Nicht die Säule oder die Turmarchitektur mit unendlich vielen Einritzungen und Piktogrammen, sondern die Gefäßform selbst verführen. Hier dominiert die pure Lust am ertasteten Arsenal von Botschaften und der Scharm der erahnten Verführung ein Portfolio der besonderen Art. Diana ist gemessen an anderen Großskulpturen besonders, trotz der Übergrösse: Sie ist Person und auch eine Gefäßform!

Sie, die Form, enthält unsichtbare Dinge und ist obwohl sie deutlich sichtbar ist, ein Mysterium. Wie das Königtum, das Göttliche und das Weibliche in der Welt, lässt sich auch der Zauber der historischen Schichtungen nur in Andeutungen erzählen. Kaum erfasst man ein Detail, entzieht sich ein anderes. Die menschliche Hülle, die Haut und die Vernarbungen sind dennoch Aussagen über die gelebte Zeit und die Personen, Spurenlesen ist nur einfach aus der Mode gekommen. Mir scheint folgende Fähigkeit für Felicitas Lensing-Hebben absolut maßgeblich: Im Inneren das Äußere erkennen und umgekehrt stets hinter der Fassade der Dinge, die Struktur lesen zu können, ist das Alleinstellungsmerkmal der Künstlerin. In jeder Heldin steckt eine weitere Person, hinter jedem Amt ein Mensch.

Für die Betrachter verbirgt sich in der Hülle, im Gefäß mit personaler Andeutung ein Repräsentant, eine exemplarische Erzählung. Wie der Turm die Koordinaten des Raumes verschiebt, so verschieben auch die Turmarchitekturen und Göttinnen die Raumverhältnisse dieser Ausstellung. Distanziert und zuweilen auch betroffen künden die Werke qua Personalunion von alter Symbolik und rufen uns zu: Wir geben Kraft, bitte nähert Euch!